housing im Nest (Inge Mahn)
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housing im Nest (Inge Mahn)

„Wohnen als ein veränderbares Tableau von Situationen – wie es im Schnittfeld von Hausfrauenrolle und psychischer Sensibilität täglich verhandelt wurde–, wird in der architektonischen Moderne wegen seiner verunklärenden, diffusen Räumlichkeit abgeschafft. Transparenz wird nun zu einer wichtigen Kategorie; Glas (und Stahl) setzen dieses Raumbedürfnis um. Interessanterweise wird die textile Terminologie weitertransportiert: so beispielsweise der Begriff der Curtain Wall, mit dem in der Moderne die nichttragenden Außenwände, die vorgehängten Fassaden, bezeichnet werden. Metaphorisch wird die Curtain Wall im Gegensatz zu einer festen gebauten Wand – ‚unbeweglich, schwer, definitiv‘ – als ‚beweglich, leicht, provisorisch‘ beschrieben. Ästhetisch können Fassaden die Funktion von Leichtigkeit und Beweglichkeit erfüllen, faktisch jedoch sind sie unbeweglich, ohne Reagibilität auf Wind und ohne haptische Textilität.“

 

„Als Struktur haben Texturen von der Moderne bis heute immer interessiert, als reales biegeschlaffes Material tritt das Textile in der Architektur selten auf. Und noch nicht einmal im Falle echter Vorhänge, wie im […] Farnsworth House in Illinois, agieren diese im Kontext einer affektiven Raumbildung. Karen Harather setzt die Vorhänge in einen textilanalogen Vergleich zum Musselin des späten 18. Jahrhunderts und spricht hier von einem architektonischen ‚Transparentlook‘ im Werk von Mies van der Rohe. Transparent sind sie in der Tat, aber die dünnen Gardinen agieren hier umgekehrt als Verstärkungseffekt der Glasverkleidung und entprivatisieren die Räume. Dabei mögen Abstufungen von Sichtbarkeit entstehen, in keinem Raum jedoch ist eine bewegungsreagible Raumbildung intendiert, wie das Medium Vorhang es grundsätzlich leisten kann. Im prominenten Beispiel von Shigeru Bans Curtain Wall House, einem dreistöckigen Privathaus in Itabashi, Tokio, agiert hingegen der biegeschlaffe Vorhang als sensible kommunikative Schnittfläche zum urbanen Umfeld: Das Haus steht in dicht bebauter Nachbarschaft und radikalisiert den Austausch von Innen und Außen, von Privatem und Öffentlichem, wie er für ein Privathaus in traditionell westlicher Konzeption unüblich, jedoch in der Tradition des japanischen Hauses mit der fließenden Abstufung von Privatheit nicht ganz unbekannt ist.“

(Helmhold, Heidi: Affektpolitik und Raum, Köln 2012, S. 50f.)

 

Zum Artikel Shigeru Ban (Paper Log House, Paper Church, Naked House, Curtain Wall House) hier: Shigeru Ban Pritzker Preis 2014

 

Zum Video hier: Dalida Bang Bang

 

Zum Video hier: Vorhänge (installation video, 2010, mixed media)

 

Zum Interview hier: anlässlich der Einzelausstellung in der Galerie Max Hetzler, Paris, 57, rue du Temple, Paris

 

1. Inge Mahn, Stehende Vorhänge, 2017, Jute und Gips, je 206  x 84  x 25 cm, Kunstverein Braunschweig, 9. September – 12. November 2017, Courtesy die Künstlerin, Foto: Stefan Stark

2. Inge Mahn, Vorhänge, 2010, mixed media, Courtesy die Künstlerin und Max Hetzler Berlin I Paris I London, Foto: def images

3. Inge Mahn, Säulengebinde, 1985, Gips, jeweils 25 x 400 cm, Courtesy die Künstlerin und Max Hetzler Berlin I Paris I London

4. Inge Mahn, Erbsenzähler, 2009, mixed media, Erbsen, 98 x 81 cm, Courtesy die Künstlerin und Max Hetzler Berlin I Paris I London, Foto: def images

5. Installation view, Inge Mahn, Goethestraße 2/3, Berlin, 6. Juni – 18. Juli 2015, Courtesy die Künstlerin und Max Hetzler Berlin I Paris I London, Foto: def images

6. Inge Mahn, Gebogene Wände, 2017, Kunstverein Braunschweig, 9. September – 12. November 2017, Courtesy die Künstlerin, Foto: Stefan Stark

7./8./9. Inge Mahn, Regal, Sox Berlin, 11. November 2016 – 01. Januar 2017, Courtesy die Künstlerin, Foto: Marlene Burz und Sox Berlin

Date

12. März 2020